Anmerkungen zum „SZ“-Bericht: „Dresden bekommt einen zweiten TV-Sender“

sz_elb-tv

Die „Sächsische Zeitung“ berichtet in der Ausgabe vom 25. März 2010 (Donnerstag, Bildausschnitt aus SZ-Online) über die Pläne der Produktionsfirma Elb-TV, „voraussichtlich ab Ende April“ ein lokales Fernsehprogramm anzubieten. Überschrift: „Dresden bekommt einen zweiten TV-Sender„. Normalerweise würde hier im Blog ein Hinweis auf den Artikel und eine Wiedergabe der Nachricht stehen – was auch von der Wertschätzung der Leistung der Lokalredaktion der „Sächsischen Zeitung“ und der Anerkennung der täglichen Arbeit der Kollegen zeugt.

Der Bericht zum Thema „zweites Dresden-TV“ weist allerdings so große Schwächen und Ungenauigkeiten auf, dass das in diesem Fall einfach nicht geht. Es folgen nun einige Anmerkungen zu der Geschichte – vorab aber sei noch der Hinweis gegeben, dass es sich um eine sachliche Kritik handelt und kein persönlicher Angriff auf irgendjemanden – schon gar nicht den Autoren – handelt. Sollte ich im Folgenden also eine Fehleinschätzung vornehmen oder etwas übersehen haben, bin ich gern bereit, die Geschichte entsprechend zu ändern und zu korrigieren. Ich freue mich über Hinweise und Kommentare.

Die Überschrift: „Dresden bekommt einen zweiten TV-Sender“
Schon der Titel der Geschichte dürfte wenigstens als mutig bezeichnet werden. Immerhin, im Text heißt es dann: „Der Termin für den Sendebeginn ist noch unklar.“ Denn Elb-TV hat bereits mehrfach angekündigt, ein zweites Lokal-Fernsehprogramm zu starten. Im Grunde gibt es diese Ankündigung, seit Elb-TV den Produktionsauftrag für Dresden Fernsehen verloren hat – also seit Ende 2005.

Im Sommer 2008 zitiertete ich hier im Presseclub-Blog die „Sächsische Zeitung“ in dem Beitrag: „Zweites Lokal-TV für Dresden“ – dort hatte Elb-TV der „Starttermin Ende 2008“ genannt. Im Dezember desselben Jahres meldete die „SZ“, der Start des zweiten Dresden-Programms sei auf Februar 2009 verschoben – seit dem hatte man nicht mehr viel gehört. Es erscheint dem Beobachter also ratsam, doch etwas mehr Distanz zu dieser Willensbekundung zu zeigen.

Gut, die Schlagzeile wird im Text realtiviert und Überspitzungen sind erlaubt (und im Zweifel war der Autor des Textes nicht an der finalen Schlagzeile beteiligt). Aber was ist eigentlich aus der Ankündigung des Dresden-Fernsehen-Produzenten FiD GmbH geworden, ein zweites Lokal-Programm zu starten? Wir berichteten – wie auch die „SZ“ – im Februar 2009: „Fernsehen in Dresden GmbH plant weiteres Programm für Dresden„. Wäre das nicht mal eine kurze Recherche, einen Telefonanruf wert gewesen?

Nach den uns vorliegenden Informationen verzögert sich der Start des FiD-Programms derzeit – die ursprüngliche Planung sah Februar 2010 vor. Es erscheint also zumindest nicht ausgeschlossen, dass „Dresden Eins“ von Elb-TV das dritte Lokal-TV-Programm werden könnte.

Der erste Satz: „Dresden Fernsehen bekommt Konkurrenz“
Nur ganz am Rande erwähnt die Geschichte in der „Sächsischen Zeitung“ den Verbreitungsweg, den das Elb-TV-Programm „Dresden Eins“ wählen wird: „das digitale Kabelnetz“. Tatsächlich ist es ziemlich kompliziert, die unterschiedlichen TV-Verbreitungswege auseinanderzuhalten – und die Frage berechtigt, ob man dass dem „SZ“-Leser zumuten sollte und kann. Die Sache ist so kompliziert, dass ich meinen oben erwähnten Bericht zum digitalen Programm der Fernsehen in Dresden GmbH vom Februar 2009 gleich nach der Veröffentlichung korrigieren musste. In der korrigierten Fassung heißt es:

„Dresden Fernsehen ist derzeit noch analog via Antenne und im analogen und digitalen Kabelnetz der Primacom zu empfangen; außerdem im analogen Netz von Kabel Deutschland. Elb-TV hat eine Lizenz für das digitale Netz von Kabel Deutschland. Genau für dieses Netz hat jetzt auch der neue Sender eine Lizenz erhalten.“

Mit anderen Worten: Das laufende Programm von „Dresden Fernsehen“ und das angeblich künftige „Dresden Eins“ werden vermutlich in keinem Haushalt in Dresden gleichzeitig empfangbar sein – das wäre eine Erwähnung schon wert gewesen. Der Begriff „Konkurrenz“ und die damit suggerierte Vielfalt für Dresden trifft nicht auf die Zuschauerperspektive zu. Sondern nur auf den Werbemarkt – und um den geht es Elb-TV wohl, wenn sie ihre Ankündigung immer wieder erneuern.

Die Aussage: „‚Rund 50000 Haushalte könnten uns derzeit empfangen‘, sagt Elb-TV-Geschäftsführerin Kerstin Böttger. Das sind weniger als bei Dresden Fernsehen. Der Sender gibt seine Zuschauerzahl mit täglich rund 64 000 an.“
Auch hier ist der Bericht nicht ganz sauber: er vergleicht Äpfel mit Birnen. Kerstin Böttger spricht von der möglichen Reichweite – es gibt also offenbar rund 50.000 Haushalte bzw. Empfangsgeräte in Dresden, auf denen ihr neues Programm zu erreichen sein wirdwürde. Die zitierten Zuschauerzahlen von Dresden Fernsehen allerdings sind gemessene Reichweiten – und es handelt sich um Zuschauer, und eben nicht Haushalte bzw. Empfangsgeräte.

Ohne jetzt weiter zu recherchieren ist also zu unterstellen, dass Dresden Fernsehen eine wesentlich größere Distanz in den Zuschauerzahlen zum neuen, geplanten Elb-TV-Programm hätte als „nur“ die hier suggerierten 14.000 Zuschauer Differenz. Abgesehen davon wird Elb-TV sicher keine 100%-Zuschauerquote erreichen – der Vergleich von gemessener und möglicher Reichweite ist ziemlich irreführend.

Der letzte Satz: „Zudem habe ein Gutachten die Wirtschaftlichkeit eines zweiten Lokalprogramms bestätigt.“
Die abschließende und wohl dreisteste Vereinfachung im Text – die auch nicht dadurch besser wird, dass sie als Zitat von Kerstin Böttger kennzeichnet ist. Tatsächlich hatte in dem langjährigen Lizenzstreit die zuständige Sächsische Landesanstalt SLM ein Gutachten zur Wirtschaftlichkeit von zwei lokalen TV-Programmen für Dresden anfertigen lassen. Die SLM wollte mit dem Gutachten „belegen“, dass ein zweiter Sender in der Stadt wirtschaftlich nicht machbar sei – und um damit ihre Ablehnung für die Lizenz für Elb-TV zu untermauern. Auch die „Sächsische Zeitung“ hatte darüber berichtet, wenn ich mich nicht täusche.

Im Presseclub-Bericht vom 29. April 2009 mit dem Titel: „Weiter warten auf das neue Programm von Elb-TV“ heißt es dazu:

„Das sächsische Oberverwaltungsgericht hatte der SLM untersagt, den Faktor ‚Wirtschaftlichkeit‘ in die Vergabeentscheidung mit ein zu beziehen. Da im digitalen Kabel genügend Kapazitäten zur Verfügung stehen, blieb der SLM nichts anderes übrig, als dem Lizenzantrag zuzustimmen.“

Mit anderen Worten: Das OVG hat das Gutachten kassiert, dass sich mit der Wirtschaftlichkeit eines zweiten Lokalfernsehprogramms in Dresden beschäftigte – daraus im Text aber zu drehen, ein Gutachten habe die Wirtschaftlichkeit bestätigt, ist schon ein ziemlich dreistes Stück und hätte einer Einordnung bedarft. Vor dem Hintergrund, wie viel richtige Werbeplatzbelegungen derzeit im laufenden Programm von Dresden Fernsehen zu sehen sind, wäre die Frage nach der Wirtschaftlichkeit eines weiteren Programms nochmal extra angeraten gewesen!

Die Aussage: „Am frühen Morgen und späten Abend strahlt Dresden Eins Weltnachrichten von Euronews aus. ‚Mit dem Sender haben wir eine Kooperation vereinbart.'“
Welchen Beweggrund könnte Euronews für diese Kooperation haben? Die Antwort erscheint einfach: Geld (vermutlich von Elb-TV) oder Reichweite. Im Lokal-TV-Markt ist es üblich, Fremdprogramme aufzuschalten, weil die Befüllung des eigenen Programms teuer ist – haben diese Fremdprogramme ein Interesse, kostenpflichtige Telefonnummern zu streuen, sind also mit Gewinnspielen oder Nackedeis verbunden, verdient der Lokalsender gewöhnlich Geld damit. Andere Sender, die vollwertiges Programm produzieren, aber haben selbst ein Interesse daran, ihre Inhalte zu verkaufen. Es wäre also spannend gewesen zu erfahren, von welcher Substanz diese „Kooperation“ ist – und ob sie wirklich als Beleg für den Sendestart im April dienen kann.

Schlussbemerkung: Ich lese die „Sächsische Zeitung“ ausgesprochen gerne und schätze die Arbeit der Redaktion. Und ich weiß, unter welchem Arbeits- und Zeitdruck manchmal Geschichten entstehen (müssen) – und sehe ein, dass dabei Fehler passieren können. Trotzdem bitte ich in Zukunft um etwas saubere Berichterstattung zu diesem Medienthema. Peter Stawowy

Hinweis: Ich war war von 2006 bis 2007 (entfernt) wirtschaftlich mit der 
Fernsehen in Dresden GmbH verbandelt - diese Verbindung endete 2007. 
Heute besteht keine Verbindung mehr.

Weitere Artikel des Autors

5 Antworten to “ Anmerkungen zum „SZ“-Bericht: „Dresden bekommt einen zweiten TV-Sender“ ”

  1. Abgesehen davon schaff mir trotzdem keine Glotze wieder an :) und bin gespannt auf alle anderen Entwicklungen im Bewegtbildbereich.

  2. Wieviele Mitglieder hat eigentlich ein Dresdner Durchschnittshaushalt?

  3. hallo peter, danke für die kommentierung des sz-artikels.

    leider glaube ich nicht mehr daran, dass der autor thilo alexe jemals versuchen wird, die geschichte objektiv zu erzählen.

    ich bin mir, nach länger zurückliegenden gesprächen mit ihm, eigentlich sicher, dass er das thema besser durchblickt, als vermutet.

    ich glaube nicht, dass der arbeits-und zeitdruck die ursache für die fehler sind.

    vielmehr wäre die geschichte vom konkurrenzkampf dann nicht mal mehr halb so spannend und nur darum geht es thilo alexe, dafür nimmt er ein paar „verdrehungen“ und „missverständnisse“ bewusst in kauf.

    bedauerlich, denn so kann ich die sächsische zeitung leider nicht mehr richtig ernst nehmen.

    grüße
    frank

  4. […] Senders angekündigt – gerade in jüngster Zeit hatte auch mehrfach die regionale Presse darüber – nicht immer gut recherchiert – berichtet. Böttger hatte über lange Jahre um die Lizenz für den eigenen Sender gekämpft. […]

  5. […] “Eingespeist: neue Lokal-TV-Programme jetzt bei Kabel Deutschland Digital” “Doppelter Sendestart: Ab 20. Mai sind 8 Dresden und DresdenEins über Kabel Deutschland zu empfangen” “Anmerkungen zum “SZ”-Bericht: ‘Dresden bekommt einen zweiten TV-Sender’” […]

Antwort hinterlassen

Du kannst folgende XHTML tags nutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <blockquote cite=""> <code> <em> <strong>