Die Rede von Alan Russel zum Erich Kästner-Preis 2006

Dokumentation der Rede von Erich Kästner-Preisträger 2006 Dr. Alan Russell anlässlich der Preisverleihung:

2006 ERICH KÄSTNER-PREIS ZEREMONIE
(Albrechtsberg, Dresden um 11 Uhr am 19. November 2006)

1. In aller ersten Stelle möchte ich mich bei Ihnen, Herrn Hoefer und die Mitglieder des Presse Clubs, für den Kästner Preis 2006 und den damit dotierten €10000 Scheck herzlich bedanken. Zur gleichen Zeit, Herr Burger, möchte ich Ihnen auch meinen aufrichtigen Dank für Ihre gro?mütigen Worte aussprechen. Ich bin wahrlich ergriffen. Meine Verbindung hierdurch mit dem Namen von einem von Dresdens berühmtesten Schriftstellern ist eine gro?e, wenn auch völlig unerwartete, Ehre und wird gewiss meine Bewunderung und Liebe und meinen Respekt, den ich für dieses Land und seine Kultur fühle, weiter vertiefen.

2. In Ihrem Laudatio, Herr Burger, haben Sie freundlicherweise auf den Beitrag hingewiesen, den wir durch unseren Trust zur Versöhnung zwischen den Vereingten Königreich und Deutschland geleistet haben, sowie auf den Wiederaufbau der Frauenkirche. Ich kann nur antworten, dass ich immer doch wünsche, dass wir 100 mal so viel leisten hätten können. Das Fenster, das Kuppelkreuz, unsere Ausstellungen, Konzerte und Bücher, die Dresdner Hymne (In Diesem Haus), sowie der British-Deutsche Freundschaftsgarten, der erst vor drei Wochen eröffnet wurde – diese haben uns viele Freude gebracht. Aber wie oft haben wir gewünscht, wir könnten diese herrliche Stadt vollständig wiederherstellen, zumal wir für ihre Zerstörung zu einem weiten Grad verantwortlich waren!

3. „Glücklich sein“ ist ein Begriff, der sich nicht leicht festlegen lässt. Aber wenn es einem Menschen auch nur in kleinem Ma?e vergönnt ist, eine Ungerechtigkeit zu berichtigen und den Weg zu einem besseren Verständnis zu schaffen, dann muss er in der Tat sich glücklich zählen. Soweit es mich anbetrifft, bin ich persönlich dem Schicksal dankbar für die Gelegenheit dieses zu tun, so bin ich auch dem Presse Club dankbar für die Chance meine Dankbarkeit und Befriedigung heute, hier, zum Ausdruck zu bringen.

4. Seit seiner im Jahr 1993 stattgefundenen Gründung ist das wesentliche Ziel, die innigste Eingebung, unseres Dresden Trust dreifach gewesen

  • erstens, selbstverständlich, die Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche,
  • zweitens, dadurch, das Gedächtnis aller Opfer der Luftangriffe des damaligen Krieges – zuerst, aber nicht nur, die Hunderte von Tausenden die hier ums Leben gekommen sind, und
  • drittens, die Fähigkeit aller Länder Gewalt, Unmenschlichkeit und Selbstrechtfertigung nachzuweisen, zu überwinden.

Nur so – und dies bin ich der Meinung hat Erich Kästner deutlich erkannt – können gesunde persönliche und staatliche Verhältnisse aufgebaut werden.

5. Als ich am 10 November 2005 im Kulturrathaus eine Ansprache über Coventry und Dresden hielt, wies ich darauf hin, dass die Kathedrale von Coventry und die Frauenkirche, die beide zerstört und wieder aufgebaut wurden, zusammen eine gro?e Aufgabe in Europa zu erfüllen haben, in der Stärkung des Glaubens und der Förderung der Verständigung zwischen den Völkern und zwischen verschiedenen Glaubensformen. Ich betonte, dass durch das Leiden, das es auferlegt und wiederum selbst gelitten hat, Deutschland – und damit die Frauenkirche – besonders berufen ist die Tatsachen zu bezeugen, dass eine Katastrophe nicht nur zur Wiedererstehung führen kann, sondern, wenn der Wille dazu vorhanden ist, unweigerlich dazu führen wird. Dieser Gedanke lässt uns nochmal an Erich Kästners wohlbekanntes epigrammatisches Gedicht – Es gibt nicht Gutes, außer: man tut es, nachdenken.

6. Überzeugung, Wirkung und Auferstehen laufen erforderlich zusammen! Und die Stadt Dresden ist, in sich selbst, ein lebendiger Beweis dieser Wahrheit. Sie erhob sich unter August dem Starken aus der Unbedeutendheit, erholte sich schnell nach den Siebenjährigen und Napoleonischen Kriegen und im 19. Jahrhundert erreichte eine Position in der vordersten Reihe der musikalischen, literarischen und wirtschaftlichen Entwicklung. Der Wiederaufbau der Frauenkirche und die Neueröffnung vor kurzem, des Grünen Gewölbes im Schloss sind nur die letzte Beweise, dass Dresden jedes Mal im Stande gewesen ist aus Ihren Schwierigkeiten aufzusteigen.

7. Es war doch passend, dass am 10 Oktober dieses Jahres, angelegentlich der Europäischen Kultur Preise, Karl-Maria Brandauer nicht aus den Werken von Schiller oder Goethe las, sondern anstatt einen echten Dresdner, Erich Kästner, wählte – den Kästner, der in seinem Buch „Als ich ein kleiner Junge war“ eine der besten Jugenderinnerungen schrieb, und gleichzeitig eines der fröhlichsten Bücher, die je über Dresden geschrieben worden sind.

8. Erich Kästner ist schwer zu charakterisieren. Er selbst beschrieb sich (in Kästner über Kästner: Lesebuch S.380) als ein „Enkel der deutschen Aufklärung“. Rationalist, Humanist, Moralist, Geissler der Heuchelei und Anmassung, Dichter, Kinderbücherautor, Philosoph und praktischer Mensch, er war der große Sohn einer außergewöhnlichen Mutter sowie ein außerordentlich distingierter Spross Dresdens. Vornehmlich war er, wie es Reich-Ranicki, und Süsskind so freilich ausgedrückt haben „der Sänger der kleinen Leute“ zu welchen seine Liebe nie theoretisch-anonym“ (Lesebuch S.505 und 523) war. Ob er Ranickis „Hoffnungsvoller Pessimist“ oder Kestens „verzweifelter Optimist“ war (Lesebuch S.512 & 530), bin ich noch nicht sicher. Ich bin aber überzeugt, dass sein Entschluss, die gesamten dunkeln Jahre des Nationalsozialismus in Deutschland zu bleiben, ein Beweis von au?erordentlichem Mut war, und dass er auch heute eine unbestreitbare Quelle der Hoffnung ist. Wenn die Frauenkirche das christliche Herz Dresdens darstellt, dann ist Kästner sein menschliches Gewissen, sein Satiriker und seine säkulare Seele, und in seinem Schatten zu stehen macht einen jeden demütig.

9. Im laufe der Wochen habe ich Freude daran gehabt, mich mit Kästners Leistungen zu befassen, so wie durch Lesen und Aufführungen an Bord des lustigen Friedrich Wilhelm Jungs Theaterkahns als auch Besuche im Erich Kästner Museum (das glücklicherweise am 27. November in London eine Ausstellung mit Vorlesungen präsentiert – ohne leider den Jungen, der ständig auf der Gartenmauer am Albrechtplatz liegt!). In Kleiner Junge und in Fabian habe ich freudig seine kleinen, immer sympathischen Skizzen von Leuten in ihrem Alltag wiederentdeckt – die Lehrer (Franke und Paul Schurig) die als Mieter mit der Familie wohnten, die kleine alte Frau, die die Stadt verlässt, um ihre armselige Ware auf dem sächsischen Land zu verkaufen, seine Mutter wie sie, dem Selbstmord nahe, auf der Augustusbrücke stand, die Arbeitslosen in Berlin, und viele andere Szenen.

10. Kästners tiefes und treffendes Mitgefühl für die Armen und für die Menschen im allgemeinen ist merkbar – in jedem Mensch sieht man was besonders – und wie Kästner selber gesagt hat, „wir standen (alle) … gekreuzigt da“ (Der Mensch ist sein eigenes Gefängnis). Seine klare, vernichtende Darstellung des „wohltätigen – d.h. in der Tat – verderblichen Einflusses des Staates auf das Individuum“ sollte auf der ganzen Welt wieder und weiter bekannt werden. Seine au?erordentliche Fähigkeit, die Ironie erbarmungslos gegen Politiker und gegen Philosophien und falschen Anma?ungen zu richten, spricht zu uns genau so direkt wie damals: Sie ist herrlich zum Ausdruck in seinen Gedicht „Die andere Möglichkeit“ gebracht, welches ein gro?artiges Werk der nationalen Selbstkritik bleibt – „Wenn wir den Krieg gewonnen hätten …zum Glück gewannen wir ihn nicht …“ – ist das nicht beeindruckend? Zur gleichen Zeit ist es aber, auch für uns, die aus anderen Ländern stammen, sehr passend: wir würden wohl daran tun, seine Ideen auf unsere eigenen nationalen Umstände anzuwenden. Wenn ich von den „Pfarrer (die) Epauletten trügen“ und über einem „Gott (der) deutscher General wäre“ – dann kommt mir als Engländer ein komisches Lächeln über die Lippen, da ich an ihre starken Relevanz für uns auch denken muss!

11. Jedes mal, wenn ich die Worte von Kästner lese, glaube ich, dass er stolz seine würde zu sehen, wie sein Land, seine Stadt und ihre Bürger die Gelegenheit der Katastrophe ausgenützt haben um einen stabilen, anständigen Kulturstaat zu schaffen, so wie es die heutige Bundesrepublik ist, die sicher anderen als Vorbild gelten kann. Ich spiele gern mit dem Gedanken, dass wenn er heute, 76 Jahre nach dem er “Die andere Möglichkeit” schrieb, eine Folge unter dem Titel „Die heutige Wirklichkeit“ schreiben würden, dann hätte er, vielleicht so etwas wie das Folgende von einem ihm hochschätzenden Engländer geschrieben, angeboten.

Da wir den Krieg verloren haben,
Der anstatt Ruhm Ruinen bracht’,
Statt Epauletten Tod und Graben,
Sank Ehre in der Elendsnacht.

Durch den verdammten Krieg entstand
Ein Alptraum grausam, blutgetränkt,
In dem die Redlichkeit verschwand,
Die ehemals uns hat gelenkt.

Die Stadt, die einst so herrlich glänzt
In Schamesschutt und Asche fiel.
Bährs Kirche, als Symbol bekränzt
Im Todesgrab – ein bittres Spiel.

Nil desperandum! Stunde Null
Ermöglicht auch ein’ Neubeginn:
Sei Trümmerfrauen gedankt, enthüll
Sich wieder Mut, Vernunft und Sinn.

Denn weil der Krieg zum Scheitern fuhr,
Verschwanden auch Kanon und Draht,
Es blühet wieder die Kultur,
Die vormals Deutschland hat geehrt.

Ersteht so wieder Dresden, lebt
Nun Zwinger, Albertplatz und Kreuz
Worüber Kästners Botschaft schwebt –
Von Toleranz, Verstand und Reiz.

Es liegt Vernunft nun Kettenfrei,
Gericht, Verfassung sind gerecht,
Mit Kunst, Musik und Allerlei
Der Lebenstisch ist wohl gedeckt.

Und glücklich von sein’ Mauer sieht
Des Kästners Geist Alt-Dresdens Glanz
Ausstrahlen wieder klar und weit,
Und lächelnd weiss er unbedingt
Gehört’ auch Ihm die Resonanz.

So lehrt uns Erich, namens K,
Dass Wörte stärker sind als Schwert,
Und wir, die Kinder, lernen da,
Aus Satire, Märchen, Reim den Wert
Des Humors und der Menschlichkeit.

Neben der Herausforderung zu unserem Glauben die von der Frauenkirche fließt, kommt deswegen aus Dresden diese zweite Forderung, nämlich Kästners Forderung auf Wahrheit, wie unbequem sie auch sein mag. Die beiden Botschaften haben wir – in unserem Trust – durchwegs versucht in unserem kleineren Gebiet zu verstehen und zu fördern: Frauenkirche und Kästner – eine verdoppelte Begeisterung!

12. Gegen diesen Hintergrund möchte ich abschließend ein paar Sätze über die kulturellen und wohltätigen Zwecke, für die der Preis in – oder in Verbindung mit – Dresden zur Verwendung kommen sollte. Zwei Ideen betreffend

  • eines Buches für die Nachwelt, und
  • ein Fünkchen für unseren Benachteiligten und Behinderten

laufen hierum in meinem Kopf, die ich gern mit Ihnen teilen möchte.

13. Das Buch, dessen Hauptthemen die Geschichte unseres Trust und die damit engverbundenen Entdeckung der menschlichen Beziehungen zwischen Dresdner und Briten, unmittelbar vor, während und nach dem Kriege sollte unseres schon tiefes Wissen der Kultur, Bausubstanz und Wirtschaft Dresdens (siehe z.b. Dresdner Heft Nr. 70 – Sachsen und Grossbritannien: Erfahrungen gemeinsamer Kultur) ergänzen. Ich bin der Meinung, wir wissen zu wenig über die Geschichten der einzelnen Leute – Briten und Deutsche-Kästners „kleine Leute“, – deren Wege sich kreuzten, und deren Schicksale sich ineinander hier verflochten, die uns das positive Erbe von ihrer gegenseitigen Liebe und ihrer Liebe für diese Stadt hinterlassen haben. Ich bin fest davon überzeugt, dass ein wesentlicher Bestandteil zur Normalisierung der Britisch-Deutschen Beziehungen die Erkenntnis über die Jahre hin ist, dass das Zeitalter des Nationalsozialismus eine schreckliche Ausnahme war, zu dem normal guten Verständnis, den guten kulturellen Beziehungen und dem Austausch auf so vielen Gebieten, die, in der Vergangheit genau wie heute, die Britisch-Deutsche Geschichte gekennzeichnet haben.

14. Es wäre meiner Ansicht nach passend – ein solches Buch mit dem innigen an allen Dresdner gerichteten Leitsatz:

„Bitte gedenkt uns als Brüder und nicht als Bomber“

dem Gedächtnis Erich Kästners zu widmen und es Deutschen und Englischen Lesern ähnlicherweise zugänglich zu machen. Ich würde deswegen annehmen, dass es zu rechtfertigen wäre, einen Teil des Preisgeldes (€2500) zu verwenden, um einige der Kosten der Produktion und Übersetzung zu decken.

15. Ich glaube aber, dass der wesentlichste Zweck, zu dem das Preisgeld verwendet werden sollte, ist, eine Verbindung herzustellen – nicht zwischen Universitäten oder Schulen, Wissenschaftler, Künstler oder Schüler – sondern zwischen den Benachteiligten und Behinderten in unseren beiden Ländern und zwar wennmöglich ganz besonders den Lernbehinderten. Die Holländer haben ein herrliches Sprichwort „Luistern na fluistern“ welches bedeutet „Hör auf das Flüstern zu“– oder „wir sollten auf die Weisheit hören, die aus kleinen Stimmen hervorgeht“.

16. Ich glaube, dass dies der rechte Weg ist zur gleichen Zeit Kästners Leben und Werke zu feiern, die Verbindungen die der Dresden Trust versucht hat zu fördern weiter zu verstärken, und unsere beiden Gemeinschaften auf bisher unerforschten Weisen zu verknüpfen. Ich hoffe und glaube, dass Kästner mit diesen Ideen zufrieden gewesen wäre: ähnlicherweise Sie, liebe Mitglieder, des Presseclubs.

17. Gegen diesem Hintergrund, habe ich drei Wohltatsorganisationen in Deutschland und in Grossbritannien als eventuelle Partner gewählt. Nach Kontakten mit Aktion Mensch – sollten wir uns hier an die Welttagsveranstaltung des Deutschen Behinderten Rates, die unter dem Motto Dass Europäische Jahr der Chancengleichheit, Deutschland, 2007 am 2. Dezember 2006 in Berlin stattfinden wird – und mit dem Bürgermeister für Soziales in Dresden, Herrn Kogge, der mir sehr hilfreiche Vorschläge gemacht hat, würde ich gern das überbleibende Preisgeld (€7500) folgenderweise zwischen drei Organisationen teilen. –

  • Hilfe für Behinderte – € 2500
  • Initiative Christen für Europa – Brücken bauen in Europa – Freiwillig Teilen und Dienen – € 2500und damit
  • The Aldingbourne Trust der in und um der Stadt – Chichester – des guten Bischof Bells tätig ist – €2500.

Ein solcher Plan, wie auch immer bescheidend er zu Beginn sein muss, sollte erstens einige ziemlich begrenzte Leben geistig bereichen, zweitens noch eine Brücke zwischen Grossbritannien und Deutschland bauen können und drittens die Bemühungen und Ziele des Dresden Trust fortsetzen und ergänzen.

18. Herr Hoefer, Herr Burger, liebe Freunde, für diese Verleihungszeremonie, für den Kästner Preis, und vor allem für diesen Ausdruck unsere gemeinsamer Liebe für Dresden, bedanke ich mich von der Tiefe meines Wesens. Sei Gott mit Euch. Sei Gott mit uns!

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