Rede von Jürgen Micksch in Dresden am 13.9.2015

Feierliche Preisverleihung des Erich-Kästner-Preises
Liebe Frau Klemm,
lieber Heribert Prantl,
Herr Oberbürgermeister,
verehrte Damen und Herren,

dem Dresdner Presseclub danke ich für den Erich Kästner Preis, der mich persönlich besonders berührt. Als mich Bettina Klemm am Anfang des Jahres von Ihrer Entscheidung informiert hat, dachte ich sofort an meine persönlichen Begegnungen mit Erich Kästner. Im Jahr 1954 probten wir in München das Theaterstück „Pünktchen und Anton“, wo ich den Anton spielte. Erich Kästner kam regelmäßig zu den Proben. Er wäre ja gern Regisseur geworden. Aber dann entwickelte er eine Vorliebe als Zuschauer. Er mische sich nie in die Inszenierung ein. Nur in den Probepausen kam er in seiner bescheidenen und sympathischen Art auf uns Kinder zu und sprach mit uns.
Mit 13 Jahren ahnte ich damals nicht, dass mich später sein kurzer Satz zur Moral prägen würde:
„Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es.“

In meinem Leben wollte ich tätig sein für ein friedliches Miteinander von Menschen, für die Überwindung von Armut und die Bewahrung der Schöpfung.
Meinem Vater hat das weniger Freude bereitet. Denn in unserer Familie wurde erwartet, dass ich als ältester Sohn das früher in Breslau ansässige Familienunternehmen zur Süßwarenproduktion weiterführe. Mein Vater führte mich schon früh in diese Aufgaben ein. Dabei schwärmte er von seiner Lehrzeit in der Stadt Dresden, deren Schönheit er immer wieder beschrieben hat.

In unseren Tagen wird das Bild dieser großartigen Stadt überlagert von der hier gegründeten Pegida, rassistischen Umtrieben gegen Flüchtlinge und dem Sitz der Vorsitzenden der AfD. Aus dem Venedig des Ostens wurde die Metropole des Rassismus. Dresden ist zu einem zentralen Ort der Auseinandersetzung mit Rassisten geworden. In Deutschland und darüber hinaus wird beobachtet, wie die Stadt mit dieser Herausforderung umgeht.

Das hätte nicht so kommen müssen. Noch vor der Vereinigung Deutschlands haben wir 1990 in Dresden gemeinsam mit Marita Schieferdecker-Adolph und Christof Ziemer die ersten Interkulturellen Wochen in den östlichen Bundesländern durchgeführt. In Dresden entstanden der erste Flüchtlingsrat und Ausländerbeirat und das erste Integrationskonzept im Osten. Später haben wir aus Dresden leider immer weniger gehört. Die Kontakte gingen zurück. Von beispielhaften Aktivitäten war nichts mehr zu hören. In Dresden wurde der Rassismus weitgehend ignoriert. Das zeigt sich nun in dem von uns veröffentlichten Veranstaltungskalender zu den Internationalen Wochen gegen Rassismus im März diesen Jahres: 11 Veranstaltungen gab es in Dresden – 59 waren es im Vergleich dazu in Leipzig.

Die aktuellen Ereignisse in Dresden erinnern mich an die Mitte der achtziger Jahre. Damals kamen immer mehr Flüchtlinge nach Westdeutschland. Die Stimmung in der Bevölkerung war „rassistisch“. Bürgerwehren versuchten zu verhindern, dass Flüchtlinge in ihren Gemeinden aufgenommen werden. Damals gab es keinen Bürgermeister, der sich für Flüchtlinge einsetzte. Kirchen und Wohlfahrtverbände schwiegen. In diesem Umfeld haben wir PRO ASYL gegründet. Von fast allen Seiten wurden wir deswegen angefeindet. Nur ein Beispiel: Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtverbände hat wenige Tage nach unserer Gründung allen Mitarbeitenden verboten, bei PRO ASYL mitzuwirken. Soweit ich weiß, wurde dieses Verbot bis heute nicht aufgehoben – es ist inzwischen einfach vergessen worden.
Damals lebte ich in Tutzing am Starnberger See. Dem Ort wurden gerade einmal 10 Flüchtlinge zugewiesen. Die Gemeinde stand Kopf. Eine von Honoratioren initiierte Unterschriftenaktion gegen die Aufnahme wurde von Hunderten unterschrieben. Der Bürgermeister hielt sich zurück. Damals lud ich Flüchtlinge und die Bürgerschaft in die Evangelische Akademie ein. Ich wurde als Verräter beschimpft. Das Wort vom Asylmissbrauch war allgemeine Überzeugung. In der überfüllten Veranstaltung bat ich einige Flüchtlinge, von ihrer Situation zu berichten. Vieles ging in Lärm und Protesten unter. Als dann ein palästinensischer Junge seine Hose hochzog und alle sein zerschossenes Bein sahen, da schlug die Stimmung um.
Bürger stellten ihre Fahrräder zur Verfügung, eine Arbeitsgruppe wurde gebildet, Deutschkurse organisiert, Medien berichteten darüber. Das Klima im Ort änderte sich schlagartig und es gab ein gutes Miteinander, das bis jetzt anhält.

In Dresden gibt es heute viele vorbildliche Initiativen: Im Verein Medinetz versorgen Ärzte ehrenamtlich geflüchtete Menschen, das Netzwerk Asyl, Migration, Flucht Dresden (NAMF) berät Flüchtlinge, die Volkshochschule führt Informationsveranstaltungen durch, 5.000 Demonstranten setzten sich vor zwei Wochen für ein Dresden ohne Rassismus ein und vieles mehr. Das ist dringend nötig, denn die Hilfe für Flüchtlinge wird zu einer Jahrhundertaufgabe. Sie sind Botschafter für Umbrüche in ihren Heimatländern und werden gleichzeitig Deutschland vielfältiger machen. Viele von ihnen sind Muslime. Darüber ist zu reden und zu berichten. Es muss deutlich werden, dass Pegida und Hassprediger auf der Verliererstraße laufen.

Wenn sich viele für Flüchtlinge und gegen Menschenfeinde engagieren, dann ist das ganz im Sinne von Erich Kästner und dem heute vergebenen Preis für Toleranz, Humanität und Völkerverständigung. Deshalb gebe ich das Preisgeld gern weiter an den Verein Medinetz und das Netzwerk Asyl in Dresden, an die Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus und an das Projekt SOS MEDITERRANEE, das eine zivile europäische Seenotrettung für Flüchtlinge im Mittelmeer aufbaut.

Rassismus war und ist eine Realität in Deutschland. Aber wir können etwas dafür tun, dass Rassisten weniger werden.
Verantwortliche Politiker müssen sich von ihnen distanzieren, wie das der sächsische Ministerpräsident getan hat, als er nach langem Zögern sagte: „Wer menschenfeindlich, rassistisch oder extremistisch ist, mit dem spreche ich nicht.“ (9.7.2015)
Es gibt Projekte für die Unterstützung von Flüchtlingen und die Internationalen Wochen gegen Rassismus, die in Dresden breit aufgegriffen werden können. Bei der Überwindung von Menschenfeindlichkeit sind Aktivitäten besonders erfolgreich, bei denen Flüchtlinge und andere vom Rassismus betroffene Menschen direkt beteiligt werden. Deshalb fördert die Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus personell und finanziell Veranstaltungen mit Flüchtlingen, Muslimen und Roma. Der Interkulturelle Rat finanziert Dialoge von Juden, Christen und Muslimen, um insbesondere Ängste vor dem Islam abzubauen. Bisher wurde aus Dresden dafür kein einziger Antrag gestellt. Das sollte sich ändern!
Die rassistische Realität in Dresden und anderen Orten ist auch eine Chance: Sie kann Menschen mobilisieren, im Sinne von Erich Kästner Gutes zu tun.

Alle Reden der Verleihung finden Sie hier zum Nachhören

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