Halbherzige Halbleiter – Ifo-Vize Joachim Ragnitz im Presseclub


„Das Lohnniveau spielt in der Halbleiterbranche eine untergeordnete Rolle“, erfuhren erstaunte Mitglieder des Presseclubs Dresden bei einem Gespräch mit Joachim Ragnitz. Der stellvertretende Geschäftsführer des ifo-Institutes für Wirtschafts- und Sozialforschung Dresden und früher einer der „Fünf Wirtschaftsweisen“ besuchte den Club am 9. Februar 2009.

Die Förderpolitik des „Gastlandes“, wenn man so sagen darf, sei weitaus wichtiger. „Da stellt sich immer die Frage, ist das politisch gewollt oder nicht“, resümiert Ragnitz. Wegen erfolgreicher elektronischer Vergangenheit und tausender Arbeitsplätze sei die Halbleiterproduktion am Standort Dresden gewollt, aber, betont Ragnitz, Singapur, Malaysia und die USA fördern diesen Zweig mehr.

Eine noch größere als die sächsische Förderung käme einer staatlichen Beteiligung gleich, erwiderte Gesprächspartner und Presseclub-Chef Dieter Hoefer, die 3.000 Arbeitsplätze beispielsweise bei Quimonda dürften die Verantwortlichen der Halbleiterbranche nicht halbherzig aufs Spiel setzen.

Abwanderung in den „Goldenen Westen“

Potenzielle „Insolvenz-Investoren“ aus China oder Arabien seien auch auf Rendite aus, entgegnete Ragnitz. Der gebürtige Niedersachse hob neben dem Ausstrahl-Effekt der Wirtschaftszentren Chemnitz, Leipzig, Dresden die notwendige Weiterentwicklung der Mittelzentren wie Hoyerswerda, Görlitz, Kamenz, Bautzen, Pirna, Freiberg und Annaberg hervor. Hier wäre die demografische Entwicklung durch Abwanderung „in den Goldenen Westen“ aber besonders gravierend. Die meisten jungen, hauptsächlich Sächsinnen, zögen zur Arbeit nach Süddeutschland, Österreich (Gastronomie) und Schweiz (30% des Krankenhauspersonals sind Deutsche!), wo erheblich mehr verdient werde.

Das beeinflusse neben dem „Geburtenknick“ der frühen 1990er Jahre wiederum die stagnierende Bevölkerungsentwicklung der nächsten 20 bis 30 Jahre. Das Arbeitsministerium müsse wegen „kurzer Dienstwege“ stärker beim Wirtschaftsministerium angesiedelt sein. Der sächsische Grenzverkehr mit Polen und Tschechien müsse weiter ausgebaut werden, wie er zwischen Holland und Deutschland seit Jahren beispielhaft funktioniere. Nach dem überraschenden Rückzug des Bundeswirtschaftsministers hofft Joachim Ragnitz ab nächster Legislaturperiode auf größere Unterstützung des Bundes für Sachsen, um unter anderen Technologie- und Verkehrspolitik neu auszuloten.

Das seit 1993 bestehende ifo-Institut Dresden e. V. ist mit 15 Mitarbeitern ein selbständig forschender Ableger des Münchner Institutes, erhält seine Aufträge meist von öffentlichen Einrichtungen und Fördermittel vom Freistaat, muss allerdings ein Viertel des Budgets durch Drittmittel aufbringen. Joachim Ragnitz, kam 2007 vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle, welches er seit 1994 geleitet hatte, nach Dresden. Roland Fröhlich

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