Sachsens Schulen und ein trendwendender Minister: Conrad Clemens im Dresdner Presseclub

Der Clubabend des Dresdner Presseclubs mit Kultusminister Conrad Clemens drehte sich um mehr als einzelne Maßnahmen gegen Unterrichtsausfall. Oder wilde Rasereien. Im Gespräch wurde deutlich: Clemens hat mehrere Trendwenden in der Gesellschaft erkannt, deren Linien er nun ins Schulsystem trägt, dem größten Tanker auf dem sächsischen Arbeitsmarkt.

Die sichtbarste betrifft den Unterrichtsausfall. Der Minister verteidigte seinen Kurs, Ausfälle sind landesweit erstmals seit Jahren gesunken – besonders an Ober- und Förderschulen. Der Preis dafür: Lehrkräfte werden stärker zwischen Schularten und Regionen verschoben. Clemens räumte ein, dass diese Umsteuerung an einzelnen Grundschulen neue Belastungen geschaffen hat. Seine Konsequenz ist jedoch nicht der Rückzug: Abordnungen sollen künftig kein Ausnahmeinstrument mehr sein, sondern zum neuen Normal werden. Wer Kapazitäten hat, soll dort unterrichten, wo sie fehlen – auch über Schularten und weitere Wege hinweg.

Damit verbindet sich eine zweite Trendwende: Die Oberschule soll aus der Rolle der vermeintlichen zweiten Wahl herauskommen. Clemens will Lehramtsstudierende früher mit dieser Schulart in Berührung bringen, Grundschullehrkräfte stärker auch für höhere Klassen qualifizieren und den Unterricht an Oberschulen verlässlicher absichern.
Noch weiter reicht sein Blick auf die Schulstruktur. Den Begriff Reform vermied der Minister bewusst. Gleichwohl beschrieb er Modelle, die die bisherigen Grenzen flexibler machen würden: Kooperationen von Gymnasien und Oberschulen, jahrgangsübergreifender Unterricht sowie die „Oberschule Plus“, in der Kinder von Klasse 1 bis 10 länger gemeinsam lernen. Das gegliederte System soll bestehen bleiben. Aber dort, wo Demografie und Personalmangel starre Strukturen unmöglich machen, denkt Clemens über neue Übergänge und längeres gemeinsames Lernen nach.

Eine weitere Trendwende zeigte sich bei digitalen Medien. Beim Handyverbot bleibt Clemens ein nachdenklicher Hardliner: Handys sollen bis Klasse 8 aus dem Schulalltag verschwinden, zugleich soll Medienbildung bereits ab Klasse 1 beginnen. Und waren die milliardenschweren iPads und White Boards in den Klassenzimmern eigentlich eine gute Idee? Beim Social-Media-Verbot zeigte er sich kontemplativer als zuletzt: Von einem starren Ausschluss von U14-Jährigen rückte er im Presseclub ab. Und würde gern nicht nur Kinder und Eltern, sondern vor allem die Plattformen und ihre Geschäftsmodelle stärker in die Verantwortung nehmen – möglichst auf europäischer Ebene.

Der Abend zeigte einen Minister, der große Eingriffe nicht scheut und mehrere Konfliktlinien gleichzeitig eröffnet. Ob daraus tatsächlich bessere Schulen entstehen, wird sich nicht allein an Statistiken entscheiden, sondern an der Realität in den Kollegien und Klassenzimmern. Nach seinem 300. Schulbesuch zeigte sich der Minister bestätigt.

Vielen Dank an Conrad Clemens für das Gespräch und an alle Gäste für die intensive Debatte im DRESDEN 1900.