„Die Ostdeutschen in den Medien. Das Bild von den Anderen nach 1990“

Wissenschaftler aus Jena, Leipzig und Österreich haben die Ergebnisse eines spannenden Projektes vorgelegt: Sie haben untersucht, welches Bild überregionale Medien von den Ostdeutschen zeigen. Daraus ist nun ein Buch entstanden mit dem Titel „Die Ostdeutschen in den Medien. Das Bild von den Anderen nach 1990“.

Die Ergebnisse, die in der Pressemitteilung angeschnitten werden, sprechen eine deutliche Sprache: Am traditionellen Bild der „Ossis“ habe sich auch zwei Jahrzehnte nach der Wende nichts verändert. Und weiter: „Die taz porträtierte Ostdeutsche häufig als ‚von der Diktatur deformierte, autoritäre Persönlichkeiten‘. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) wiederum kritisierte regelmäßig, dass sich die Ostdeutschen zu wenig mit der Bundesrepublik identifizierten. Im F.A.Z.-Diskurs tauchen die Ostdeutschen daher häufig als unbelehrbare Nostalgiker auf, die der Demokratie fernstehen.“

Leider sagt die Pressemitteilung nichts über die wissenschaftlichen Methoden der Wissenschaftler-Gruppe und die Hintergründe des Projektes aus – die Ergebnisse aber bestätigen erstmal das Bild, dass „ZEIT“-Chefredakteur Goivanni di Lorenzo in seinem Vorwort zum Start der „ZEIT in Sachsen“ vom Umgang der bundesdeutschen Medien mit Themen aus Ostdeutschland zeichnete.

Wir dokumentieren im Folgenden die komplette Pressemitteilung, herausgegeben von der Pressestelle der Universität Jena:

Zementierte Vorurteile: Wissenschaftler legen Buch über „Die Ostdeutschen in den Medien“ vor

Jena (25.01.10) Der „Ossi“ bleibt „Ossi“, egal wo er sich aufhält. Beim „Wessi“ ist es anders: „Wessi“ ist man nur solange, wie man sich im Osten aufhält.

Wissenschaftler aus Jena, Leipzig und Wien haben untersucht, wie Ostdeutschland und die Ostdeutschen in den Medien wahrgenommen werden. Erste Ergebnisse aus diesem deutsch-österreichischen Projekt sind jetzt veröffentlicht worden. „Die Ostdeutschen in den Medien. Das Bild von den Anderen nach 1990“ heißt das Buch, das Thomas Ahbe, Rainer Gries und Wolfgang Schmale herausgegeben haben.

„Die Befunde haben uns in ihrer Deutlichkeit doch einigermaßen überrascht“, sagt Prof. Dr. Rainer Gries, Historiker an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die Arbeitsgruppe habe festgestellt, dass sich am tradierten Bild von den „Ossis“ bis ins zweite Jahrzehnt der deutschen Einheit hinein wenig geändert hat. Der Sozialwissenschaftler Dr. Thomas Ahbe sagt, Ostdeutsche würden von Westdeutschen bis heute als fremdartig wahrgenommen, eben als „die Anderen“. Sie bilden eine Alterität, die westdeutsche Identitäten stabilisiert. „Natürlich gibt es Unterschiede, jedes Medium entwickelt seinen eigenen Blick“, so Ahbe. Bei der „tageszeitung“ beispielsweise verflüchtigte sich das anfänglich wohlwollende Interesse als klar wurde, dass die ostdeutschen Revolutionäre nicht den Idealen der taz, sondern den Idolen der westdeutschen Konsumgesellschaft folgten. Die taz porträtierte Ostdeutsche häufig als „von der Diktatur deformierte, autoritäre Persönlichkeiten“. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) wiederum kritisierte regelmäßig, dass sich die Ostdeutschen zu wenig mit der Bundesrepublik identifizierten. Im F.A.Z.-Diskurs tauchen die Ostdeutschen daher häufig als unbelehrbare Nostalgiker auf, die der Demokratie fernstehen.

Auch in anderer Hinsicht sprechen die Befunde des Buches eine klare Sprache. Rainer Gries verweist darauf, in welchen Zusammenhängen überregionale Medien – statistisch gesehen – Ostdeutschland am häufigsten thematisierten: Innen- und Parteipolitik, Wirtschaftspolitik sowie Geschichte. Bei den Politik- und Wirtschaftsthemen erschienen ostdeutsche Länder und Regionen zumeist passiv: als Objekt politischer Aktivitäten des Westens oder als Empfänger von Zuwendungen. Und im Bereich der Geschichts-Themen dominierte mit Abstand das Problem der „Stasi“ und ihrer Machenschaften.

Die Ergebnisse der Untersuchung werfen ein grelles Licht auf den Stand der sogenannten inneren Einheit Deutschlands. Denn das Muster, selten oder nie auf Augenhöhe mit Westdeutschen zu sein, gehört auch zu den prägenden medialen Erfahrungen der Ostdeutschen während der Neunziger Jahre. Das heißt, dass die Bewohner der neuen Länder längst nicht mehr erwarten, dass ihr Leben in bundesweiten Medien angemessen widergespiegelt wird. So ist es auch kein Zufall, dass im Osten der Marktanteil der überregionalen Blätter deutlich geringer ist als im Westen. Gewinner sind Medien wie „Super illu“ oder dritte Fernsehprogramme, die die Seele der Ostdeutschen streicheln. Die überregionalen Medien werden wohl auf absehbare Zeit bei ihrem angestammten Bild von den Ostdeutschen bleiben. Rainer Gries: „Alle Zeitungen bedienen die Bedürfnisse ihrer Leser – und diese sitzen mehrheitlich im Westen des Landes.“

Thomas Ahbe, Rainer Gries, Wolfgang Schmale (Hg.): Die Ostdeutschen in den Medien. Das Bild von den Anderen nach 1990, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2009, 217 Seiten, Preis: 24 Euro, ISBN: 978-3-86583-391-4

Die Pressemitteilung ist auch auf den Seiten des Wissenschaftsdienstes idw-online.de zu finden.

7 Gedanken zu „„Die Ostdeutschen in den Medien. Das Bild von den Anderen nach 1990“

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  3. Werte Redaktion!
    Eine Frage:
    Wie komme ich zu dem Buch?
    Bitte geben Sie mir Auskunft, danke.
    Mit freundlichen Grüßen
    Drescher

  4. Arbeite seit 10 jahren in Hamburg

    Was dort an Vorurteilen gegen Ostdeutsche läuft
    ist dasselbe was gegen Ausländer generell läuft.
    Es gibt da starke rassistische Tendenzen.

    Kritikfähigkeit ist da eine Seltenheit.
    Viele Westdeutsche reagieren äußerst kleinlich sobald diese mal
    auf Ihre Vorurteile angesprochen werden.
    Ich kann dem Buch nur zustimmen.
    Was die meisten Westdeutschen an Vorurteilen pflegen
    ist das was sie selber eigentlich sind.
    Bevor diese vor der eigenen Tür kehren wird beinahe Impulsiv
    der Finger erstmal auf andere gezeigt.
    Aber noch schlimmer.
    gerade die 68ger aus dem Westen spielen eine Biedermeiermaskerade untereinander.
    Da wird sich gegenseitig gelobt, und sobald die Kollegen weg sind
    hinter dem Rücken schlechtgeredet.

    Ich komme zu dem Schluß das es den Ost West konflikt eher
    auf einer anderen Ebene gibt.

    Viele Ostdeutsche haben noch von Ihren Großeltern einen gewissen
    Knigge drauf.
    Die Westdeutschen haben das in Wirtschaftswunderzeiten der 50ger
    abgeschaft und als ewiggestrig abgestempelt.

    Ehrlichkeit und Moral als Feste Größe sind im Westen gerade
    in den Arbeiterfernen Präkariat des „Managertums“ (alles was keine Feile halten kann) überhaupt nicht mehr ausgeprägt.

    Ich mache hinter mir meine Wohnungstür zu und spare für die Rente
    (Der Westlohn gibt das ja locker her)
    Ich will auch keine Freundin aus Westdeutschland haben.
    Auf diese Sttupiden OstWestdiskussionen dieser Ewig Gestrieger
    Kalter Krieger kann ich verzichten…ich hab mir nix vorzuwerfen
    und auch keine Lust mich in die OssiOpferRolle drücken zu lassen.
    Ich lebe in Hamburg prima mit Türken, Russen, Polen,Franzosen, Chinesen zusammen. Uns eint dieselbe Erfahrung mit Westdeutschen.

    Wie gesagt das Phänomen der unkultiviertheit (Knigge) und des Verlustes des gegenseitigen Respektes, ist auch durch Soziale Härten im Osten auf dem Vormarsch. Gerade durch Unsoziale Betriebe
    die zu Dumpinglohn Arbeiten lassen.

    Ich finde in Ost und West höchstens 10 % mit denen man gleichberechtigt zusammenleben kann und die nicht das andere
    Schlechtreden.

    Guten Tag

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